Trauerrede von Rainereo Spirandelli
Frankfurt am Main, den 06. November 2013
Verehrte Trauergesellschaft, liebe Freunde von Hans Heinrich Glassl,
ich habe Hans vor gut 25 Jahren kennengelernt. Er wurde mir zum Nachbarn und Freund, nachdem ich in die Wohnung über seiner damaligen Detektei eingezogen war.
Sein extrovertiertes Ego war schon zu dieser Zeit ebenso wenig zu übersehen, wie sein großes Herz, was letztlich dazu führte, dass wir uns seither nicht mehr aus den Augen verloren haben.
Mal eine Feier hier oder ein Jubiläum da. Mal ein spezieller Fall, den ich mir unbedingt ansehen sollte. Mal ein kleines Filmprojekt. Meist war es Hans der sich meldete und über die Jahre hinweg dafür sorgte, dass unser Kontakt nicht abriss.
In prominenter Erinnerung ist mir dabei eines seiner Feste am Kurfürstenplatz geblieben, bei dem er zu vorgerückter Stunde eine Rede hielt, um den Anlass der Feierlichkeit in die passenden Worte zu kleiden.
Er war in formidabler Erzählstimmung. Präzise, pointiert, einfach genial. Es war eine Wonne, ihm und seinen Abenteuern zu lauschen – die ja oft genug auch die Euren waren.
Aber vor allem kam Hans auf Horst Drochner zu sprechen. Auf Detektiv Fido den Ersten. Hans hat seinem Meister, Mentor, Freund und Vorbild an diesem Abend im besten Sinne des Wortes die Ehre erwiesen.
In meiner Erinnerung hat er Horst Drochner damals posthum eine Art Liebeserklärung gemacht, deren Innigkeit und Tiefe mein Bild von Hans nachhaltig bereichert hat.
Weil sie mir offenbarte, dass Hans auf einem Fundament ruhte, in dem Tugenden wie Dankbarkeit, Demut, Treue, Liebe und Freundschaft tragende Rollen spielten.
Und obwohl er im täglichen Leben immer wieder mit seinen Idealen kollidierte, blieb er letztlich immer absolut Fido. Zerrissen und standhaft zugleich. Oft unerträglich aber immer unverbrüchlich. Ein echter Kämpfer mit einem großen Herzen und ein wahrer Held des Lebens.
Hans Heinrich Glassl, ich bin – wie so viele der hier Anwesenden auch – stolz und dankbar, dein Freund zu sein.
Anlässlich des plötzlichen Todes von Hans Heinrich Glassl alias Detektiv Fido am 25. Oktober 2013 in Frankfurt am Main.
Mein Freund, der Baum.
Wenn man den Menschen Hans Glassl alias Detektiv Fido posthum verstehen will, kommt man nicht umhin, sich auch mit dem Gewerbe auseinanderzusetzen, in dem er im besten Sinne des Wortes zuhause war. Zu zerrissen, zu ambivalent, zu konträr zu allem was man als normal bezeichnen könnte, war das Leben dieses Mannes.
Das Handwerk des Detektivs ist, um es vorwegzunehmen, einer der langweiligsten, abwechslungsreichsten, toughesten und stupidesten Berufe, die man sich überhaupt vorstellen kann. Und einer, der ein hohes Maß an Kreativität voraussetzt, wenn man in der Branche längerfristig auf einem gewissen Level bestehen will.
80% des Business besteht aus Routinen. Fremdgänger, Blaumacher, Offenbacher (Menschen, die bereits einen Offenbarungseid geleistet haben). Observieren, Berichte schreiben, Grundbücher und Handelsregister einsehen, Forderungen eintreiben. Mal ein Werttransport, ein Objektschutzauftrag oder ein Einsatz als Security. Eher mühsam nährt der Beruf – man weiß das spätestens seit Phillip Marlowe und Sam Spade. Bei Hans Glassl war es nicht anders.
Und dann plötzlich hat jemand ein richtig dickes Problem, bei dem ihm der Staat aus den verschiedensten Gründen nicht helfen soll, kann, darf oder will. Ein Machtkampf im Rotlichtmilieu, eine Kindesentführung in den Libanon, ein sich seiner „Heimreise“ widersetzender Millionenbetrüger... Hochrisikofälle mit hoher Reputation und hohem Gewinnversprechen.
Eine absolute Grauzone tut sich dann auf, in der jeder Detektiv hart an der Grenze manövrieren muss, wenn er erfolgreich sein will. Mit einem Bein auf der Überholspur, mit dem anderen im Knast. Unmöglich, auch nur einen Gedanken an diesen Umstand zu verschwenden, denn im selben Moment tut sich eine neue Welt auf, in der erhöhte Testosteron- und Adrenalinausschüttungen für ein Maß an Vitalität und Virilität sorgen, dass der Detektiv dem Börsenzocker und dem Betrüger nicht unähnlich bis hin zur Hybris über sich hinauswächst.
Für Hans Glassl galt das in besonderem Maße. Diese außergewöhnlichen Ereignisse waren die Momente, für die er als Detektiv Fido gelebt hat. Dann war endlich Leben in der Bude, konnten Mannschaften aufgestellt und ausgerüstet werden, konnten Pläne gemacht und auch umgesetzt werden. Dann war er in seinem Element. Von Rambo bis Sherlok Holmes – Hans Glassl spielte seine Rolle immer wie es ihm gefiel.
Wenn man Hans Glassl kennenlernte, war vom ersten Tag an klar dass sein Fach die darstellenden Künste waren. Es gilt als unmöglich, ihm begegnet zu sein, ohne sich anschließend an ihn erinnern zu können. Mit ihm Essen zu gehen, ohne mit mindestens fünf Wildfremden ins Gespräch gekommen zu sein – auch wenn nur drei weitere Gäste anwesend waren – war keine Option.
Hans Glassl der Selbstdarsteller, der begnadete Erzähler seiner eigenen Geschichte. Hans Glassl der charmante Unterhalter, der Philanthrop, der Völkerverständiger. Hans Glassl der Maßlose, der Mann ohne Tischmanieren. Hans Glassl der nie die Zeche einem Anderen überlassen wollte. Hans Glassl der reflexartig bestellte, wenn ein Schatten vorbeihuschte während er mit der anderen Hand reflexartig nachschenkte, solange der Vorrat reichte. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Und im Job? Eine Herausforderung für Freund und Feind, ein Kaleidoskop allzu menschlicher Verhaltensmuster. Ungerecht, cholerisch, beratungsresistent, liebevoll, emphatisch, großzügig, pfiffig und borniert – alles auf einmal. Frauenfeindlich und rechtslastig im Jargon. Mitunter unerträglich aber nie unpersönlich und immer absolut Fido. Irgendwo zwischen Zumutung und Offenbarung.
Wer das für unprofessionell hält, hat sicherlich Recht mit dieser Einschätzung. Aber das ist hier nicht das Thema. Das Thema ist der Mensch Hans Glassl, dem ein Leben als Bankkaufmann nach einer entsprechenden Ausbildung Ende der 1960er Jahre undenkbar schien und der daraufhin 1970 beim Bundesgrenzschutz anheuerte. Acht Jahre und diverse Belobigungen später schied er 1977 bei BGS aus, anstatt wie angeboten die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Er hatte seine Berufung gefunden...
Auch wenn seine Karriere als Staatsdiener nicht von Dauer war, fühlte sich Hans Glassl der Staatsgewalt bis an sein Lebensende verbunden und wohl auch zugehörig. Er nährte daraus mehr als 40 Jahre lang die unumstößliche Überzeugung, im Auftrag des Guten unterwegs zu sein. Er war Detektiv und Sicherheitsunternehmer aus Berufung. Nur so lässt sich das Selbstverständnis erklären, mit dem er sich immer wieder in den Kampf gegen das vermeidlich "Böse" werfen konnte. Unabhängig davon, ob es sich dabei um den Gegner eines Auftraggebers handelte, oder ob er auf eigene Rechnung arbeitete.
Insbesondere die großen Fälle aus dem Bereich der Wirtschaftskriminalität, bei denen es sich zumeist um eine Melange aus Straf- und Zivilrechtlichen Tatbeständen handelt, waren es, die Hans Glassl förmlich elektrisierten und in die er oft viel Zeit, Geld und Hirnschmalz investiert hat. Es ist schier unmöglich, an das Geld eines Großbetrügers heranzukommen. Aber wenn es mal klappt, dann winkt ein exorbitanter Zahltag. Hans Glassl motivierte das gleich dreifach. Ein Lebensabschnitt auf der Überholspur, eventuell ein volles Portmoney und mit Sicherheit wieder eine haarsträubende Geschichte mehr im Repertoire.
Seinen Recherchen rund um das Duisburger Landesarchiv ist es zu verdanken, dass der Skandal rund um den Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes Nordrhein-Westfalen (BLB-NRW) vor drei Jahren ans Licht kam. Er war es, der mit seiner Hartnäckigkeit einen Wohlstandsprediger, der hunderte seiner evangelikalen Glaubensbrüder mir seinem TXL-Konstrukt um etwa 20 Millionen Euro erleichtert hatte, zumindest in die eidesstattlich versicherte Vermögenslosigkeit schickte. Und er war es auch, der bereits in 2012 im Umfeld der Immobilien-Betrüger Schäfer und Köller und deren S&K-Imperium zu recherchieren begann. Nachdem offensichtlich wurde, dass es sich um ein ausgeklügeltes und hochkriminelles Betrugssystem handelte, war das ganz klar ein Fall für Detektiv Fido und seine Wertschutz Sicherheitseinrichtungen GmbH – und gleichzeitig die letzte große berufliche Herausforderung für Hans Glassl. Gläubiger suchen, Strafanzeige stellen, den Rechtsweg durch die Instanzen beschreiten um seine Forderungen vollstreckbar zu machen. Hans Glassl marschiert. Hans Glassl setzt Himmel und Hölle in Bewegung. Motto: Forsch kommt weiter. No Risk No Fun. Hans Glassl erhält (wieder einmal) Todesdrohungen, gegen die er jedoch schon längst immun zu sein scheint. Ihn spornt das nur weiter an, seine Forderungen durch die Instanzen und seinen Gegner zur Strecke zu bringen.
Zu martialisch formuliert? Wohl eher nicht. Jagd- und Kriegsrhetorik gehören seit jeher zum Sicherheitsgewerbe und Hans Glassl war ein ungekrönter König seiner Zunft. Bei ihm waren Männer Böcke, Fremdgänger waren Hurenböcke und Frauen waren Hühner oder (wenn jung und attraktiv) Zwerghühner. Von allem anderen ganz zu schweigen.
Wenn man ihm böse wollte, könnte man Hans Glassl ohne weiteres als Sexisten und Rassisten bezeichnen. Aber das wäre deutlich zu kurz betrachtet. Auch wäre es nicht korrekt, die Schuld an seiner politisch extrem unkorrekten Art alleine auf die Zunft zu schieben, der er entstammte und die einen per se einer ewigen Zerreißprobe aussetzt.
Richtig ist vielmehr, dass Hans Glassl absolut in der Lage war, die Internationale zu schmettern, dass er SPD-Mitglied war, dass er mit dem Herrn und Schöpfer voller Demut kommunizierte und dass sich in seinem Bekanntenkreis jede Menge Türken, Italiener, Juden und Araber befinden, die ihn wie alle seine anderen Freunde auch über seinen Tod hinaus als leuchtendes Beispiel in Ehren halten werden: Als wertvollen Menschen, als absolutes Original und als einen Freund wie eine Eiche.
Diese Eiche ist nun Geschichte. Gefällt wurde Hans Glassl am 25. Oktober 2013 kurz vor seinem 64sten Geburtstag von einer letzten heftigen Böe eines seit Jahrzehnten in ihm tobenden Sturms. In diesem Kampf für und wider König Alkohol hat er zwar von Zeit zu Zeit Schlachten gewinnen können, aber der große Sieg über sich selbst blieb ihm am Ende leider verwehrt.
Rainero Spirandelli